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Szene-Stadt Leipzig Vergesst Prenzlberg!

14.07.2013 ·  Leipzig soll das neue Berlin sein. Warum eigentlich? Unterwegs als Touristin in der eigenen Stadt.

Von Pia Volk

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© Volk Platz für Lebenskünstler gibt es in Leipzig mehr als genug. Die Stadtkarawane zeigt Besuchern, wo.

„Leipzig heißt jetzt Hypezig“, sagt meine Freundin zu mir, während wir vor einem Siebdruckstand auf dem Georg-Schwarz-Straßenfest in Leipzig stehen. Hier im Leipziger Nordwesten könnte man noch einen Film drehen, der zur Wendezeit spielt: Ein unsaniertes Haus reiht sich an das nächste, „Zoologisches Fachgeschäft“ steht über einem Schaufenster, aber Tiere gibt es dort längst keine mehr zu kaufen. Die Haustür steht offen, im Hinterhof spielt eine Band. Es gibt Stände mit veganen Burgern, Kunstcafés, einen Laden für Selbstgemachtes und Informationen über Bürgerbegehren. Es gibt viele Ideen und viel Platz in dieser Straße. Nur nicht für die Tram. Alle zehn Minuten klingelt ein neuer Fahrer, damit die Leute zur Seite treten.

„Weiß doch jeder, dass Leipzig die beste Stadt im Land ist“, redete meine Freundin weiter. Tausend Möglichkeiten gebe es hier, etwas zu erleben, genauso wie in Berlin. Aber, und das sei der Unterschied: Die Leipziger seien viel zu lässig, um nur cool zu sein. In ihrer Hand hält sie ein Shirt, das sie gerade bei „hinz und kunz“ neben dem alten Zoogeschäft ertauscht hat. Der Siebdruck kostet nichts, wer mag und kann, darf etwas spenden. Ich verabschiede mich von meiner Freundin und springe in die nächste Straßenbahn, zusammen mit sechs anderen Leuten und Jenny.

Sie organisiert heute die Stadtkarawane, einen alternativ angehauchten Stadtrundgang. Jedem von uns drückt sie einen anderen einen Plan in die Hand. Auf dem steht, wen wir wo treffen werden und welche Straßenbahn uns dorthin bringt. Uwe ist unsere erste Station.
Uwe ist Quantenheiler, Waldorflehrer, Kleinunternehmer. Er ist ein Mensch, wäre wohl die richtige Bezeichnung. Ein Mann von Mitte vierzig, mit weißgrauem Haarkranz. Tagsüber ist er Lehrer an einer Waldorfschule, nachmittags kümmert er sich um seine Hobbys: Kochen, Bücher und Steine. Auf der Karl-Liebknecht-Straße, Leipzigs studentischer Kneipenmeile, betreibt er einen Mineralienladen mit Kräuterhandlung und Café.

„In Leipzig kann man frei sein“

Wäre ich nicht mit der Stadtkarawane unterwegs, ich wäre nie in Uwes Laden gegangen. Aber genau das will der Verein, der diese Rundgänge der anderen Art organisiert: Menschen zusammenbringen, die einander normalerweise nicht treffen würden. Vor zehn Jahren sah Uwes Kiez so aus wie die Georg-Schwarz-Straße noch heute. Inzwischen läuft man Slalom um Caféstühle und Tische herum, um in seinen Laden zu kommen. Dort liegen bunte Steine in Holzsetzkästen, in einem Regal stehen Kräuterpflanzen, in einem anderen dahinter die Lektüre über den Weg zu Gott. „Ich bin Atheist“, sagt Uwe. „Religion bedeutet für mich die Rückbindung an die Natur. Deshalb mache ich auch Quantenheilungen.“

Leipzig sei der richtige Ort dafür: ein Ort mit Ausstrahlung, und das schon seit Generationen. Uwe macht das an vielen Ereignissen fest, die nicht unbedingt zusammenpassen: In Leipzig kreuzten sich die beiden großen römischen Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii, vor den Toren der Stadt wurde Napoleon geschlagen und auf ihren Straßen das DDR-Regime zu Fall gebracht. „In Leipzig kann man frei sein, und um den Moment der Freiheit zu finden, braucht man manchmal etwas Quantenheilung“, sagt Uwe. Quantenheilung bedeute, dass all die Materie, die einst vereint war, wieder vereint wird, dass man sich zurückbesinnt auf den Anfang, auf das Wesentliche. Seit 22 Jahren ist Uwe Lehrer, davor war er im Baukombinat beschäftigt. „Als der Schabowski den Zettel vorgelesen hat, dass die Grenzen offen sind, da hat sich der ganze Himmel mit geöffnet“, sagt er. Offen ist er geblieben. Zumindest für Uwe über Leipzig.

Unser zweiter Gastgeber Frank werkelt im Stadtgarten in Connewitz, keine zehn Minuten zu Fuß von Uwe entfernt. Ein Kräuterbeet im Schachbrettmuster empfängt uns, darüber wuchert ein Fliederbusch. Franks Hände stecken im Hochbeet, als wir ankommen, deshalb streckt er uns zur Begrüßung sein Handgelenk entgegen. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es mehr Gärten als in Leipzig. Eigentlich ist das ganze Stadtgebiet eine Ansammlung von Grünflächen, durchbrochen von Häuserzeilen. Moritz Schreber, dem die Schrebergärten ihren Namen verdanken, stammte aus Leipzig. 1865 wurde hier der erste Schreberplatz eingeweiht, eine Spielwiese, auf der die Kinder der Arbeiterfamilien herumtollen durften. Erst später kamen Beete dazu, die sich erst in abgegrenzte Parzellen, dann in die heutigen Schrebergärten verwandelten. Gartenarbeit wurde zu Schrebers Zeit sogar benotetes Schulfach. Als Schulgarten entstand auch der Stadtgarten in Connewitz.

Verbieten verboten

„,Verbieten verboten‘ würde ich am liebsten ans Tor schreiben“, sagt Frank. Schulklassen kommen immer noch – und dann dürfen die Kinder alles, was sie sonst nicht dürfen: laut sein, in Bäumen herumkraxeln, sich dreckig machen. Nebenbei zeigt Frank ihnen echte Regenwürmer und all die anderen Dinge, die sie im Supermarkt nicht finden. Die Pflanzen, die er hegt und pflegt, sind reines Anschauungsmaterial. „Ich baue Sorten an, die es auf dem Markt nicht mehr gibt, weil sie zu wenig Ertrag bringen oder irgendwie seltsam sind“, sagt er. Blaue Kartoffeln zum Beispiel. Die Karawane zieht weiter, quer durch die Stadt, zu ihrem dritten Halt, in einen Stadtteil, wo Männer Jogginghosen tragen und Frauen kräftiges Make-up.

Es geht vorbei an einem Dönerladen, an zwei Pfandleihern, einer Spielothek und einer Shisha-Bar (für Männer und Frauen). Dann sind wir bei Alexandra. Sie sitzt in einem kaum acht Quadratmeter großen Raum vor einem Regal voller Bücher. Russisch, Slowenisch, Paschtu, Türkisch, Vietnamesisch steht auf den Schildern an den Borden. Alexandra hat eine Bücherei für Migranten gegründet. „Ich bin vor zehn Jahren zum Studium nach Leipzig gekommen“, erzählt sie. „Moskau war eine schwierige Stadt damals.“ Wie es jetzt dort ist, weiß sie nicht. Alexandra will in Leipzig bleiben, wie überhaupt alle, die wir getroffen haben.

Bei Alexandra endet die Stadtkarawane, doch meine „Hypezig“ Freundin ruft mich an und zitiert mich in die alte Baumwollspinnerei in den Westen der Stadt. Der Klinkerbau ist die Heimat unzähliger Galerien und Ateliers, die heute alle geöffnet sind. Der Weg dorthin führt durch den Clara-Zetkin-Park, Leipzigs Fahrrad-Highway. Auf der Sachsenbrücke, die den Süden der Stadt mit ihrem Westen verbindet, sitzen Menschen, viele Menschen. Sie sitzen in der Sonne wie andere im Café oder in der Kneipe. Nur dass sie nichts kaufen müssen, um bleiben zu dürfen. Ihr Bier haben sie sich selbst mitgebracht, und auf den Wiesen glühen die Grills und die Gesichter. Ein Mann mit einer Gitarre und einem Hut singt seine Version des Neil-Young-Klassikers „Hey, hey, my, my – rock and roll will never die“.

Meine Freundin schleift mich in eine Kneipe im zweiten Stock der Halle 14. Dort steht das „Banister Inn“. Ein Pub, aus altem Holz zusammengenagelt. Mark hat es gebaut. „Ich habe Hausverbot in allen Kneipen der Stadt“, sagt er. „Jetzt habe ich meine eigene.“ Das Bauholz dafür hat er sich zusammengesucht, auf Industriebaracken und in leerstehenden Häusern, an Orten, durch die nachts Bässe wummern und an denen abends Kinofilme über Wände mit abgeblätterten Farben flackern. Da also, wo die Partys stattfinden, die man in keinem Stadtmagazin findet und die auch nicht auf Facebook angekündigt werden. Mark hat an Resten eingesammelt, was er brauchen konnte, alles in seinen Bus geladen und sich dieses Pub gebaut. Der Holzbau ist sein Kunstprojekt. Drinnen stehen eine Handvoll Leute mit Club-Mate-Wodka in der Hand. Nur meine Freundin nicht, sie schleicht mit selbstgemalten Aufklebern um das „Banister Inn“ und klebt es voll. Ganz legal, im Namen der Kunst. Der Leipziger Lebenskunst.

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